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Wie beeinflusst der Einsatz von GenAI-Tools die Bereitschaft neurodivergenter Personen, ihre Neurodivergenz in Schule, Studium oder Arbeit offenzulegen?

  • Autorenbild: Die DiklusionsGestalter e.V.
    Die DiklusionsGestalter e.V.
  • 21. Jan.
  • 11 Min. Lesezeit

Neurodivergente Identitäten wie Autismus, ADHS oder Lern- und Verarbeitungsstörungen sind häufig „unsichtbar“ und damit konzeptuell verwandt mit anderen verdeckbaren stigmatisierten Identitäten, etwa psychischen Erkrankungen (Chaudoir & Fisher, 2010). Die Entscheidung, ob, wann und wem gegenüber man sich outet, ist ein hochriskanter, wiederkehrender Aushandlungsprozess: Auf der einen Seite stehen Chancen auf Unterstützung, Nachteilsausgleiche und Entlastung von Masking, auf der anderen Seite die Gefahr von Diskriminierung, Fehlzuschreibungen und Karriereeinbußen (Romualdez et al., 2022; Snow et al., 2023).

 

Parallel dazu halten generative KI-Tools (GenAI) – von Schreib- und Planungsassistenz bis hin zu Kommunikations-Coaching – Einzug in Bildungs- und Arbeitskontexte. Erste Studien und Berichte deuten darauf hin, dass neurodivergente Personen diese Werkzeuge intensiv nutzen, um Kommunikation zu glätten, Exekutivfunktionen zu entlasten und neuronormative Erwartungen besser zu bedienen (EY, 2024; He et al., 2025; Microsoft, 2024). Zugleich ist offen, wie diese Tools die Bereitschaft zur Offenlegung der eigenen Neurodivergenz (Disclosure) beeinflussen: Erleichtern sie Outings, weil sie Handlungsspielräume und Selbstwirksamkeit erhöhen, oder machen sie Outings „überflüssig“, weil man sich mithilfe von GenAI möglichst unauffällig an vorherrschende Standards anpassen kann?

 

Im Folgenden wird auf Basis bestehender Literatur skizziert, wie GenAI-Tools theoretisch und empirisch mit Disclosure-Entscheidungen neurodivergenter Personen in Schule, Studium und Arbeit verknüpft sein könnten. Daraus werden Hypothesen und Forschungsbedarfe abgeleitet.

 

Disclosure neurodivergenter Identitäten: Risiken, Chancen und Kontexte

 

Chaudoir und Fisher (2010) beschreiben mit dem Disclosure Processes Model (DPM), wie Personen mit verdeckbaren stigmatisierten Identitäten – etwa psychischen Erkrankungen oder einem HIV-Status – Disclosure-Entscheidungen treffen und welche Folgen sich daraus ergeben. Disclosure kann positive Effekte in Form sozialer Unterstützung, gesteigerter Authentizität und Zugang zu Ressourcen haben, birgt aber gleichzeitig das Risiko von Zurückweisung, Stigmatisierung und Benachteiligung. Überträgt man dieses Modell auf neurodivergente Personen, wird deutlich, dass diese fortlaufend abwägen müssen, ob die erhofften Gewinne, etwa Nachteilsausgleiche oder die Reduktion von Masking, die antizipierten Risiken wie Stereotypisierung oder Karrierehemmnisse überwiegen (Chaudoir & Fisher, 2010; Romualdez et al., 2022). Diese Abwägung hängt stark von Kontextfaktoren wie Organisationskultur, rechtlichen Rahmenbedingungen und verfügbaren Unterstützungssystemen sowie von bisherigen Disclosure-Erfahrungen ab (Kennedy et al., 2025; Snow et al., 2023).

 

In Hochschulkontexten zeigen Studien, dass viele neurodivergente Studenten trotz formaler Anspruchsrechte zögern, ihre Neurodivergenz offenzulegen. Gründe sind vor allem Angst vor Stigmatisierung, Zweifel am tatsächlichen Nutzen von Disclosure und mangelndes Vertrauen in die Institution (Kennedy et al., 2025; Snow et al., 2023). Kennedy et al. (2025) berichten, dass Studenten Disclosure unter anderem nutzen, um weniger stark maskieren zu müssen und Erschöpfung zu reduzieren; gleichzeitig werden negative Stereotype und die Sorge, nicht ernst genommen zu werden, als wesentliche Hürden genannt. In der Graduate-STEM-Forschung berichten neurodivergente Promovierende, dass Disclosure gegenüber Betreuenden als besonders riskant erlebt wird, da befürchtet wird, dass sich dies negativ auf Karrierechancen und die Betreuungsbeziehung auswirkt (Snow et al., 2023). Ähnliches findet sich bei autistischen Erwachsenen im Arbeitskontext: Qualitative Studien beschreiben Disclosure als ambivalent – einerseits notwendig, um Anpassungen zu erhalten, andererseits häufig mit unzureichenden oder gar kontraproduktiven Reaktionen verbunden (Romualdez et al., 2022).

 

Insgesamt erscheint Disclosure als strategischer Akt unter Unsicherheit, bei dem Kontext und erlebte Unterstützung zentral sind. Genau hier könnte der Einsatz von GenAI eine neue Variable darstellen.

 

GenAI als Assistive Technologie und Arbeits- bzw. Lernwerkzeug

 

Aktuelle empirische und praxisnahe Arbeiten zeigen, dass neurodivergente Personen GenAI in unterschiedlichen Lebensbereichen einsetzen. Im Arbeitskontext berichtet eine von EY durchgeführte Studie mit mehr als 300 Beschäftigten mit Behinderung und/oder Neurodivergenz, dass 91 % Microsoft Copilot als wertvolle Assistive Technologie ansehen, 85 % einen inklusiveren Arbeitsplatz erleben und 87 % eine reduzierte mentale Belastung angeben (EY, 2024; UNLEASH, 2024). Microsoft illustriert in Fallbeispielen, wie neurodivergente Fachkräfte GenAI nutzen, um Kommunikation zu strukturieren, E-Mails zu verfassen und eigene Stärken sichtbarer zu machen, was zu größerem Selbstvertrauen und besserer Teilhabe führt (Microsoft, 2024).

 

Im Hochschulbereich zeigt eine Umfrage von He et al. (2025) an einer großen britischen Universität, dass neurodivergente und behinderte Studenten GenAI-Chatbots als personalisierte Unterstützung bei Lern- und Organisationsaufgaben nutzen. Gleichzeitig äußern sie Bedenken hinsichtlich Zuverlässigkeit, Fairness und möglicher Verzerrungen, was die ambivalente Wahrnehmung solcher Werkzeuge unterstreicht (He et al., 2025). In Online-Communities, etwa in neurodivergenten Subreddits, werden große Sprachmodelle als „kognitive Partner“ zum Planen, Erklären, Social Scripting und für Emotionsmanagement eingesetzt. Parallel dazu entwickeln Community-Mitglieder Strategien, um mit Bias, Fehlantworten und Überforderung umzugehen (Carik et al., 2025).

 

Damit fungiert GenAI in vielen Fällen faktisch als digitale Assistive Technologie. Im Unterschied zu klassischen Hilfsmitteln wie Screenreadern oder Hörhilfen ist GenAI jedoch zunehmend ein Mainstream-Werkzeug, das in Standardsoftware wie Microsoft 365 integriert ist. Dieser Mainstream-Charakter ist für Fragen von Stigma und Disclosure entscheidend.

 

Forschung zu Assistiver Technologie zeigt, dass AT-Geräte häufig als sichtbare Marker von Behinderung wahrgenommen werden und dadurch Stigma sowohl verstärken als auch abbauen können (McNicholl et al., 2019). Interviews mit sehbehinderten Studenten machen deutlich, dass die Angst vor sichtbarer Stigmatisierung zur Ablehnung oder Nichtnutzung solcher Hilfsmittel führen kann). Zugleich deuten systematische Reviews darauf hin, dass insbesondere die Nutzung von Mainstream-Geräten als AT – etwa Laptops, Smartphones oder allgemeine Software – Stigma verringern und Inklusion fördern kann (McNicholl et al., 2019; De Witte et al., 2018).

 

GenAI-Tools, die in reguläre Office-Umgebungen eingebettet sind, nehmen damit eine doppelte Rolle ein. Einerseits können sie als Assistive Technologie wirken, ohne Nutzer zwangsläufig als „behindert“ zu markieren. Andererseits hängt es stark von der organisationsseitigen Rahmung ab, ob GenAI-Nutzung als normale Produktivitätspraktik oder als signalisierte „Besonderheit“ verstanden wird (Walsh et al., 2025).

 

Mögliche Wirkpfade: Wie GenAI die Disclosure-Bereitschaft beeinflusst

 

Auf Basis der Disclosure-Forschung und der bisherigen Literatur zur GenAI-Nutzung in neurodivergenten Gruppen lassen sich mehrere plausible Mechanismen unterscheiden, über die GenAI die Bereitschaft zur Offenlegung beeinflussen könnte.

 

Ein erster Wirkpfad besteht darin, dass GenAI als Kompensationswerkzeug genutzt wird und damit die wahrgenommene Notwendigkeit, sich zu outen, sinken kann. GenAI-Tools helfen neurodivergenten Personen, neuronormative Erwartungen besser zu erfüllen, ohne dass formale Anpassungen beantragt werden müssen. Beschäftigte berichten, dass GenAI sie beim Strukturieren von Aufgaben, Organisieren von Gedanken und Korrigieren von Fehlern entlastet (EY, 2024; Microsoft, 2024). Studenten nutzen GenAI, um Texte zu überarbeiten, „professionelle“ E-Mails zu formulieren oder sich auf mündliche Beiträge in Seminaren vorzubereiten (He et al., 2025; Snow et al., 2023). Im Sinne des Disclosure Processes Model bedeutet dies, dass der instrumentelle Nutzen von Disclosure, etwa der Zugang zu Nachteilsausgleichen, subjektiv sinken kann, weil Betroffene glauben, fehlende Passung durch GenAI „unsichtbar“ ausgleichen zu können (Chaudoir & Fisher, 2010). Gleichzeitig bleiben Risiken wie Stigmatisierung und Diskriminierung unverändert hoch oder werden sogar als zunehmend bedeutsam erlebt (Romualdez et al., 2022; Kennedy et al., 2025). Unter diesen Bedingungen kann GenAI die Bereitschaft zur formalen Offenlegung reduzieren, weil Betroffene das Gefühl haben, sich mit Hilfe der Technologie „durchbeißen“ zu können – oftmals zum Preis verstärkten Maskings und zusätzlicher, unsichtbarer Belastung (Snow et al., 2023).

 

Ein zweiter Wirkpfad betrifft GenAI als Verstärker von Selbstwirksamkeit und damit als Basis für selbstbestimmtes Outing. Nach Banduras Theorie fördern wiederholte Erfolgserlebnisse das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, anspruchsvolle Situationen zu bewältigen (Bandura, 1997). Wenn neurodivergente Personen mit Hilfe von GenAI Kommunikation verbessern, Deadlines einhalten oder souveräner präsentieren können, steigt ihre wahrgenommene Handlungsfähigkeit im Studium oder Beruf. Dies könnte dazu führen, dass sie sich sicherer fühlen, die möglichen Folgen eines Outings zu bewältigen, und Disclosure eher mit der Botschaft verknüpfen, trotz oder gerade mit ihrer Neurodivergenz messbare Leistung zu erbringen. Microsoft (2024) beschreibt etwa Fälle, in denen neurodivergente Fachkräfte durch KI-Assistenz erstmals das Gefühl haben, ihre Stärken voll zeigen zu können, weil Kommunikations- und Organisationshürden sinken. In der EY-Studie bringen viele neurodivergente Beschäftigte GenAI-Nutzung mit gesteigerter beruflicher Zufriedenheit und Inklusion in Verbindung (EY, 2024; UNLEASH, 2024). In einem solchen Kontext kann Disclosure eher als Teil einer positiv besetzten Identität erlebt werden, was die Bereitschaft zum Outing erhöhen dürfte.

 

Ein dritter Mechanismus betrifft GenAI als „sicheren Proberaum“ für Disclosure. Arbeiten zu neurodivergenten LLM-Nutzern zeigen, dass viele Betroffene ihre Erfahrungen und Identitäten zunächst in anonymen Online-Räumen besprechen und teilweise auch mit Chatbots über Stigma, Masking und Outing reflektieren, bevor sie sich im persönlichen Umfeld offenbaren (Carik et al., 2025). Forschung zu Personen mit verdeckbaren Stigmata legt nahe, dass positive erste Disclosure-Erfahrungen – auch in geschützten Kontexten – langfristig Angst vor Disclosure senken und Wohlbefinden fördern (Chaudoir & Fisher, 2010; Quinn & Chaudoir, 2009). Sprachmodelle können genutzt werden, um mögliche Outing-Skripte zu entwerfen, Reaktionen zu antizipieren oder eine Sprache für die eigene Identität zu finden, etwa für Erklärungen des eigenen Autismus- oder ADHS-Profils gegenüber Vorgesetzten oder Lehrkräften. Solche Nutzungen werden bereits in autoethnografischen und qualitativen Arbeiten dokumentiert, wenn neurodivergente Personen GenAI zur Formulierung schwieriger beruflicher E-Mails einsetzen (Glazko et al., 2023; Carik et al., 2025). GenAI kann somit als niedrigschwelliger Reflexions- und Trainingsraum für Disclosure dienen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass formale Outings strategisch vorbereitet und als kontrollierbarer erlebt werden.

 

Schließlich hängt die Wirkung von GenAI auf Disclosure stark von der institutionellen Rahmung ab. Wird GenAI als universelles Produktivitätstool für alle eingeführt und standardmäßig in Lern- oder Arbeitsprozesse integriert, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Nutzung als Indikator für Neurodivergenz gelesen wird. Dies ähnelt der Situation von Mainstream-Technologien, die auch als Assistive Technologien genutzt werden können, ohne Nutzer zu markieren (McNicholl et al., 2019). Wird GenAI dagegen primär als Spezial-Assistenz für „Leistungsdefizite“ gerahmt, kann die Nutzung selbst als de facto Disclosure gelten und Stigma verstärken (Walsh et al., 2025). Erfahrungen mit Assistiver Technologie in Hochschulen zeigen, dass Stigma abnimmt, wenn spezialisierte Tools breit verfügbar sind und nicht exklusiv behinderten Studenten vorbehalten werden (McNicholl et al., 2019; The Guardian, 2019). Übertragen auf GenAI spricht vieles dafür, diese Werkzeuge inklusiv allen zur Verfügung zu stellen, gleichzeitig aber spezifische Schulungs- und Unterstützungsangebote für neurodivergente Nutzer anzubieten.

 

Potenziale zur Förderung und Risiken zur Hemmung von Disclosure

 

Aus den beschriebenen Mechanismen lassen sich Bedingungen ableiten, unter denen GenAI Outing eher fördert oder hemmt. Outing wird durch GenAI eher erleichtert, wenn eine inklusive Organisationskultur vorhanden ist, in der Sicherheit, faire Behandlung und neurodiversitätsfreundliche Sprache wahrgenommen werden (Walsh et al., 2025; Kennedy et al., 2025). Wird GenAI explizit in Strategien zur Inklusion eingebunden, kann es als Symbol ernst gemeinter Barrierefreiheit fungieren (EY, 2024). Wichtig ist zudem, dass GenAI als Ergänzung zu, nicht als Ersatz für formelle Unterstützung positioniert wird. Hochschulen und Arbeitgeber, die deutlich machen, dass KI-Tools Nachteilsausgleiche nicht ersetzen, sondern zusätzliche selbstbestimmte Unterstützung bieten, reduzieren den Anreiz, sich allein durch GenAI „unsichtbar“ zu halten (Walsh et al., 2025; McNicholl et al., 2019). Transparente Richtlinien zu Datenschutz, Plagiatsvorwürfen und Leistungsbewertung sind essenziell, damit neurodivergente Personen nicht befürchten müssen, durch GenAI-Nutzung zusätzliche Angriffsflächen zu eröffnen (He et al., 2025). Schließlich kann GenAI Disclosure auch praktisch erleichtern, etwa durch Vorlagen für wertschätzende, stigma-sensible Kommunikation oder durch Integration in digitale Entscheidungshilfen, wie sie bereits für autistische Jugendliche im Übergang in den Arbeitsmarkt entwickelt wurden (Lindsay et al., 2023).

 

Umgekehrt können GenAI-Einsatz und entsprechende Politiken Disclosure auch erschweren oder verzerren. Studien zu neurodivergenten Studenten berichten, dass GenAI-Tools häufig implizite Normen von Schnelligkeit, Perfektion und reibungsloser Kommunikation reproduzieren (Snow et al., 2023; He et al., 2025). Personen, die sich mithilfe von GenAI an diese Normen „heranoptimieren“, könnten Disclosure vermeiden, um den neu gewonnenen Status nicht zu gefährden. GenAI kann zudem als Mittel zum „Passing“ dienen: Wer E-Mails, Präsentationen oder schriftliche Arbeiten systematisch von GenAI normieren lässt, kann nach außen als unauffällig erscheinen. Kurzfristig erleichtert dies den Verzicht auf Disclosure, langfristig trägt es jedoch zur Unsichtbarkeit struktureller Barrieren bei und verstärkt den Druck, dauerhaft zu maskieren (Snow et al., 2023). Problematisch ist auch, wenn Organisationen GenAI als „Lösung“ für Inklusionsfragen missverstehen. Wenn aus der Verfügbarkeit von KI-Tools geschlossen wird, zusätzliche personelle oder strukturelle Anpassungen seien nicht mehr nötig, sinkt der Nutzen von Disclosure, weil kaum noch zusätzliche Ressourcen zu erwarten sind (Walsh et al., 2025). Schließlich kann in Kontexten, in denen GenAI-Nutzung verdachtsbehaftet ist, etwa in Plagiatsdiskursen an Hochschulen, die Nutzung selbst zur Quelle von Misstrauen werden (Lyerly, 2023). Für bereits stigmatisierte Gruppen erhöht dies die Kosten, sowohl GenAI zu nutzen als auch offen dazu zu stehen.

 

Fazit und Forschungsagenda

 

Derzeit liegen, soweit ersichtlich, noch keine empirischen Studien vor, die den Zusammenhang zwischen GenAI-Nutzung und Disclosure-Bereitschaft neurodivergenter Personen systematisch untersuchen. Gleichwohl lässt sich auf Basis dreier etablierter Forschungsstränge eine plausible theoretische Verbindung herstellen: der Disclosure-Forschung zu verdeckbaren Stigmata, insbesondere dem Disclosure Processes Model (Chaudoir & Fisher, 2010), der Literatur zu Disclosure neurodivergenter Personen in Hochschule und Arbeit, die ein hohes Risiko-Nutzen-Gefälle und institutionelle Barrieren dokumentiert (Romualdez et al., 2022; Kennedy et al., 2025; Snow et al., 2023), sowie ersten Arbeiten zu GenAI im Kontext Neurodivergenz, die sowohl entlastende als auch normverstärkende Wirkungen beschreiben (He et al., 2025; EY, 2024; Carik et al., 2025).

 

Daraus ergeben sich mehrere Forschungsfragen. Erstens ist zu klären, ob und in welchem Ausmaß regelmäßige GenAI-Nutzung als Schreib-, Planungs- oder Kommunikationsassistenz die subjektive Kosten-Nutzen-Bilanz von Disclosure neurodivergenter Studenten und Beschäftigter im Längsschnitt verändert. Zweitens wäre zu untersuchen, inwieweit GenAI als „Passing“-Werkzeug fungiert, das formale Disclosure reduziert, und wie sich dies auf Belastung, Masking, Burnout und langfristige Karriereverläufe auswirkt (Snow et al., 2023). Drittens stellt sich die Frage, welche Rolle Organisationsnarrative zu GenAI – etwa als reines Produktivitätstool im Gegensatz zu einer explizit als Assistive Technologie gerahmten Ressource – für die Interpretation von GenAI-Nutzung und die Bereitschaft zu Outing und Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen spielen (Walsh et al., 2025; McNicholl et al., 2019). Viertens könnten GenAI-gestützte Entscheidungshilfen, analog zu bestehenden webbasierten Disclosure-Tools für Autisten, dazu beitragen, Disclosure-Entscheidungen informierter und subjektiv sicherer zu machen (Lindsay et al., 2023).

 

Für Praxis und Policy zeichnet sich bereits jetzt ab, dass GenAI-Tools nicht als Ersatz für strukturelle Inklusion verstanden werden sollten, sondern als zusätzliche Ressource in einem Rahmen, der neurodivergente Identitäten entstigmatisiert, partizipativ einbindet und rechtlich absichert (Walsh et al., 2025; Kennedy et al., 2025). Nur unter diesen Bedingungen ist zu erwarten, dass GenAI-Nutzung selbstbestimmtes Outing erleichtert, statt neurodivergente Personen in immer perfekteres, aber erschöpfendes Passing zu drängen.

 

Literatur

 

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.

 

Carik, B., Ping, K., Ding, X., & Rho, E. H. (2025). Exploring large language models through a neurodivergent lens: Use, challenges, community-driven workarounds, and concerns. In Proceedings of the 2025 ACM International Conference on Supporting Group Work (GROUP ’25). https://arxiv.org/pdf/2410.06336

 

Chaudoir, S. R., & Fisher, J. D. (2010). The disclosure processes model: Understanding disclosure decision-making and postdisclosure outcomes among people living with a concealable stigmatized identity. Psychological Bulletin, 136(2), 236–256. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20192562/

 

De Witte, L., Steel, E., Gupta, S., Ramos, V. D., & Roentgen, U. (2018). Assistive technology provision: Towards an international framework for assuring availability and accessibility of affordable high-quality assistive technology. Disability and Rehabilitation: Assistive Technology, 13(5), 467–472. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17483107.2018.1470264

 

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Kennedy, L. J., Richdale, A. L., Gore, K. E., & Lawson, L. P. (2025). “A menu would be sweet”: A framework analysis of the disclosure and supports experiences of higher education students with neurodivergent or mental-health conditions. Advances in Autism. Advance online publication. https://doi.org/10.1177/27546330251352326

 

 

 

Lindsay, S., Cagliostro, E., & Carafa, G. (2023). Development and usability testing of a web-based workplace disability disclosure decision aid tool for autistic youth and young adults: Qualitative co-design study. Journal of Autism and Developmental Disorders, 53, 1590–1606. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37104002/ 

 

Lyerly, E. (2023). Utilizing ChatGPT to help students with disabilities. Disability Compliance for Higher Education, 28(9), 2–7.

 

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Romualdez, A. M., Heasman, B., Walker, Z., Davies, J., & Remington, A. (2022). Autistic adults’ experiences of diagnostic disclosure in the workplace: Decision-making and factors associated with outcomes. Autism in Adulthood, 4(4), 290–301. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9620671/

 

Snow, K., Bialek, C., Smith, H. M., Frazier, E., & colleagues. (2023). Experiences of neurodivergent students in graduate STEM programs. Frontiers in Psychology, 14, 1149068. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1149068

 

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UNLEASH. (2024). EY: 85 % of neurodivergent employees think generative AI creates a more inclusive workplace. UNLEASH. https://www.unleash.ai/diversity-equity-inclusion/ey-85-of-neurodivergent-employees-think-generative-ai-creates-a-more-inclusive-workplace

 

Walsh, R. J., Doyle, N., & Hagner, D. (2025). Moving beyond disclosure: Rethinking universal support for neurodivergent employees. Frontiers in Psychology, 16, 1547877. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1547877


 

 
 

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