KI als ‚Digitale Rampe‘: Wie der ‚herrschaftsfreie Dialog‘ in der Diskursethik von Habermas für neurodivergente Menschen barrierefrei werden kann
- Die DiklusionsGestalter e.V.

- 19. Jan.
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Einleitung: Die Vision eines inklusiven Diskurses
In einer zunehmend komplexen Welt, in der gesellschaftliche und moralische Entscheidungen von weitreichender Bedeutung sind, ist das Ringen um Verständigung und Konsens eine zentrale Herausforderung. Die Diskursethik, maßgeblich von Jürgen Habermas geprägt, stellt hierfür ein theoretisches Fundament bereit. Sie postuliert, dass sich ein vernünftiger Konsens nur durch einen ‚herrschaftsfreien Dialog‘ aller Betroffenen ergeben kann, in dem Gleichberechtigung, eine symmetrische Kommunikationssituation und gleiche Äußerungschancen für alle Teilnehmenden gewährleistet sind (Habermas, 1983). Doch die Realität zeigt, dass dieser ideale Zustand oft ein unvollendeter Traum bleibt. Nicht alle Betroffenen haben die gleichen Voraussetzungen, um an diesem Diskurs teilzunehmen. Neurologische Unterschiede – zusammengefasst unter dem Begriff der Neurodivergenz – können systemische Barrieren errichten, die den Zugang zur kommunikativen ‚Arena‘ erschweren oder gar unmöglich machen (Kapp, 2020).
Traditionell wird Künstliche Intelligenz (KI) im Kontext ethischer Fragen oft kritisch betrachtet, sei es als Quelle von algorithmischer Verzerrung (Bias), als undurchdringliche Blackbox oder als potenzielle Bedrohung für authentische menschliche Interaktion (O’Neil, 2016). Dieser Artikel beleuchtet jedoch eine andere Perspektive: Könnte KI als eine Art „digitale Rampe“ fungieren? Ein Werkzeug, das nicht den Diskurs ersetzt, sondern ihn für neurodivergente Menschen erst zugänglich macht und so die Vision eines wirklich inklusiven, herrschaftsfreien Dialogs unterstützt. Im Folgenden werden zunächst die Grundlagen der Diskursethik und der Neurodivergenz erörtert. Anschließend werden konkrete KI-basierte Technologien als „Enabler“ vorgestellt und ihre Relevanz für die diskursethischen Prinzipien diskutiert. Abschließend erfolgt eine kritische Reflexion der Potenziale und Paradoxien dieser Entwicklung.
Die Fundamente: Habermas' Diskursethik und Neurodivergenz
Habermas' Diskursethik (1983) ist eine prozedurale Ethik. Sie liefert keine inhaltlichen moralischen Normen, sondern ein Verfahren zu deren Begründung. Kernprinzipien sind das Diskursprinzip (D), wonach eine Norm nur dann gültig ist, wenn alle Betroffenen ihr zustimmen können, und das Universalisierungsprinzip (U), das fordert, dass die Folgen einer Norm für alle Betroffenen akzeptabel sein müssen. Jeder kommunikative Akt erhebt dabei implizit Geltungsansprüche auf Wahrheit, normative Richtigkeit und Wahrhaftigkeit (Habermas, 1981). Entscheidend für die Legitimität des Verfahrens ist die Abwesenheit von Zwang und die faktische Möglichkeit aller Betroffenen, ihre Argumente zu verstehen und einzubringen.
Hier entsteht eine grundlegende Spannung, wenn man das Konzept der Neurodivergenz berücksichtigt. Der Begriff beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne und kognitiver Funktionen, die zu Variationen in der Informationsverarbeitung, Kommunikation und sozialen Interaktion führen (z. B. Autismus-Spektrum, ADHS, Dyslexie) (Walker, 2014). In einer neurotypisch geprägten Gesellschaft führen diese neurologischen Unterschiede zu erheblichen Barrieren. Dazu zählen Schwierigkeiten bei der Interpretation nonverbaler Signale, Überforderung durch schnelle verbale oder unstrukturierte Informationen sowie Herausforderungen beim verbalen Ausdruck komplexer Gedanken (Kapp, 2020; Shore, 2004). Selbst der Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit kann paradoxerweise zur Barriere werden, wenn die direkte und ungeschönte Ehrlichkeit neurodivergenter Menschen im neurotypischen Kontext als unhöflich missverstanden wird (Gernsbacher & Yergeau, 2019). Diese Barrieren untergraben die faktische Gleichheit der Diskurschancen und stellen somit die Legitimität der daraus resultierenden Normen aus diskursethischer Sicht infrage.
KI als ‚Digitale Rampe‘: Konkrete Technologien als ‚Enabler‘
KI-basierte Technologien können als „digitale Rampe“ fungieren, die Barrieren abbaut und die Voraussetzungen für einen herrschaftsfreien Dialog verbessert.
Kommunikation und Ausdruck: Für non-verbale oder sprachlich eingeschränkte Personen können KI-gestützte Systeme der Augmentativen und Alternativen Kommunikation (AAC) eine Stimme verleihen. Moderne AAC-Systeme nutzen prädiktive Algorithmen, um die Kommunikationsgeschwindigkeit und -komplexität erheblich zu steigern und ermöglichen so eine aktive Teilnahme an schnellen Diskursen (Light & McNaughton, 2014). Gleichzeitig wandeln Spracherkennung und Echtzeit-Transkription gesprochene Sprache in Text um. Dies unterstützt nicht nur Menschen mit Hörbeeinträchtigungen, sondern auch Personen mit auditiven Verarbeitungsstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten, indem die Flüchtigkeit des gesprochenen Wortes aufgehoben wird. Hier ersetzt die KI nicht den menschlichen Ausdruck, sondern sie ermöglicht und verstärkt ihn.
Informationsverarbeitung und Transparenz: Die Überforderung durch komplexe oder unstrukturierte Informationen ist eine häufige Barriere (Kapp, 2020). KI-Anwendungen, die Natural Language Processing (NLP) nutzen, können lange und abstrakte Texte automatisch zusammenfassen oder in leicht verständliche Sprache übersetzen (Saggion, 2017). Solche Werkzeuge können Diskussionsgrundlagen für Menschen mit Dyslexie oder kognitiven Einschränkungen barrierefrei aufbereiten. KI kann zudem abstrakte Daten in personalisierte, visuelle Darstellungen umwandeln, die für viele neurodivergente Menschen intuitiver verständlich sind als reiner Text. Während KI selbst oft als Blackbox kritisiert wird, fungiert sie hier als Transparenz-Enhancer, indem sie Informationen zugänglich macht, die sonst undurchdringlich blieben.
Soziale Interaktion und Kontextverständnis: Die Schwierigkeit, nonverbale Signale, Ironie oder implizite soziale Erwartungen zu deuten, führt oft zu Missverständnissen (Gernsbacher & Yergeau, 2019). KI-Systeme zur Emotions- und Sentiment-Analyse, etwa in Form von tragbaren Geräten oder Apps, können neurodivergenten Menschen Echtzeit-Feedback zum emotionalen Zustand ihres Gegenübers geben und so als "sozialer Dolmetscher" fungieren. Solche Technologien bieten eine Übersetzungshilfe, die unterschiedliche Kommunikationsstile nicht wertet, sondern verständlich macht und so eine inklusivere und fehlertolerantere Kommunikationsumgebung fördert.
Fazit und kritische Reflexion
Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass KI das Potenzial hat, als „digitale Rampe“ zu dienen und neurodivergenten Menschen den Zugang zum herrschaftsfreien Dialog zu ermöglichen. Der Algorithmus ersetzt den Diskurs nicht, er befähigt zur Teilnahme. KI kann Transparenz schaffen, wo Komplexität exkludiert, und neurotypische Kommunikationsnormen neutralisieren.
Dennoch wäre es naiv, die damit verbundenen Risiken und Paradoxien zu ignorieren. Erstens kann eine Abhängigkeit von Technologie entstehen, die bei Ausfall oder mangelndem Zugang zu neuer Exklusion führt. Zweitens müssen die KI-Systeme selbst inklusiv gestaltet werden. Werden sie primär von neurotypischen Entwicklern ohne die maßgebliche Beteiligung neurodivergenter Menschen konzipiert, drohen neue Formen von Bias (Mankoff et al., 2010). Das Prinzip „Nichts über uns ohne uns“ muss daher auch für den Designprozess gelten, indem partizipative Methoden zur Anwendung kommen (Lazar & Stein, 2021). Drittens besteht die Gefahr, dass die „Übersetzung“ durch KI nicht zur Akzeptanz diverser Kommunikationsstile führt, sondern zu einer subtilen „Normalisierung“, die neurodivergenten Ausdruck an neurotypische Schemata anpasst. Das Ziel muss jedoch Inklusion sein, nicht Assimilation.
Letztlich bleibt der Mensch der unverzichtbare Akteur im Diskurs. Eine KI kann Geltungsansprüche unterstützen oder simulieren, aber sie kann keine Wahrhaftigkeit empfinden oder Verantwortung für eine Normenentscheidung übernehmen (Habermas, 1981). Wenn diese kritischen Aspekte jedoch reflektiert und im Designprozess berücksichtigt werden, kann KI zu einer echten Brücke zum Konsens werden und die Vision eines herrschaftsfreien Dialogs der Verwirklichung einen entscheidenden Schritt näherbringen.
Literaturverzeichnis
Gernsbacher, M. A., & Yergeau, M. (2019). Empirical failures of the claim that autistic people lack a theory of mind. Archives of Scientific Psychology, 7(1), 102–118. https://doi.org/10.1037/arc0000067
Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns, Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Suhrkamp Verlag.
Habermas, J. (1983). Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Suhrkamp Verlag.
Kapp, S. K. (Ed.). (2020). Autistic community and the neurodiversity movement: Stories from the frontline. Palgrave Macmillan. https://link.springer.com/book/10.1007/978-981-13-8437-0
Lazar, J., & Stein, M. A. (Eds.). (2021). Disability, human rights, and information technology. University of Pennsylvania Press.
Light, J., & McNaughton, D. (2014). Communicative competence for individuals who require augmentative and alternative communication: A new definition for a new era of communication? Augmentative and Alternative Communication, 30(1), 1–18. https://doi.org/10.3109/07434618.2014.885080
Mankoff, J., Hayes, G. R., & Kasinitz, D. (2010). Disability studies as a source of critical inquiry for the field of assistive technology. Proceedings of the 12th International ACM SIGACCESS Conference on Computers and Accessibility (ASSETS '10), 3-10. https://doi.org/10.1145/1878803.1878807
O’Neil, C. (2016). Weapons of math destruction: How big data increases inequality and threatens democracy. Crown.
Saggion, H. (2017). Automatic Text Simplification. Morgan & Claypool Publishers. https://aclanthology.org/J18-4005.pdf
Shore, S. (2003). Beyond the wall: Personal experiences with autism and Asperger syndrome (2nd ed.). Autism Asperger Publishing Company.
Walker, N. (2014). Neurodiversity: Some basic terms & definitions. Neuroqueer. Abgerufen von https://neuroqueer.com/neurodiversity-some-basic-terms-definitions


