Der Raum als dritter Pädagoge: Wie Lernumgebungen die Schule der Zukunft formen
- Die DiklusionsGestalter e.V.

- 3. März
- 7 Min. Lesezeit
Die im Artikel „Lernen der Zukunft: Wie KI, neue Lehrerrollen und Neuroinklusion das Gymnasium revolutionieren“ beschriebene Transformation des Lernens – hin zu einer Symbiose aus KI-gestützter Personalisierung, einer neuen Rolle der Lehrkraft als Lerncoach und einem tiefen Verständnis für Neuroinklusion – kann ihr volles Potenzial nur entfalten, wenn sie in einem entsprechenden physischen Umfeld stattfindet. Das traditionelle Klassenzimmer mit seinen frontalen Sitzreihen, ausgelegt auf den „Sage on the Stage“, ist ein Anachronismus in einer Welt des kollaborativen, selbstorganisierten und differenzierten Lernens. Wenn die Pädagogik sich wandelt, muss der Raum folgen. Er wird vom passiven Behälter zum aktiven Werkzeug, zum „dritten Pädagogen“ nach dem Lehrenden und der Lerngruppe (Schäfers & Welti, 2021). Doch wie sehen diese Lernräume der Zukunft aus, und wie schaffen sie es, alle Potenziale, insbesondere die von neurodiversen Schülerinnen und Schülern, zu fördern?
Grundprinzipien moderner Lernraumgestaltung
Die Abkehr vom starren Klassenzimmer hin zu dynamischen Lernlandschaften folgt mehreren zentralen Prinzipien, die auf die veränderten Lehr- und Lernprozesse antworten.
Flexibilität und Modularität: Das prägendste Merkmal ist die Auflösung fester Strukturen. Statt schwerer, festgeschraubter Möbel dominieren leichte, bewegliche und multifunktionale Elemente. Tische und Stühle auf Rollen, stapelbare Hocker und mobile Trennwände ermöglichen es, den Raum binnen Minuten an die jeweilige Lernsituation anzupassen (Imhäuser, 2018). So kann nach einer kurzen Instruktionsphase im Plenum schnell in Gruppenarbeitsplätze oder Einzelarbeitsnischen gewechselt werden.
Zonierung statt Einheitsraum: Die moderne Lernlandschaft ist kein homogener Raum mehr, sondern in verschiedene Zonen mit unterschiedlichen Funktionen und Atmosphären unterteilt. Dies erlaubt es Schülerinnen und Schülern, den für ihre aktuelle Aufgabe und ihr persönliches Bedürfnis passenden Ort zu wählen (Lassek & Ramseger, 2024; Hascher & de la Varga, 2021). Typische Zonen sind:
Instruktionsbereich („Marktplatz“): Für kurze Inputs der Lehrkraft an die ganze Gruppe.
Kollaborationszonen („Werkstatt“): Ausgestattet mit Gruppentischen, beschreibbaren Wänden und Präsentationsflächen für die gemeinsame Projektarbeit.
Konzentrations- und Stillarbeitszonen („Bibliothek“): Ruhige Bereiche für fokussiertes, individuelles Arbeiten.
Informelle Austauschzonen („Lounge“): Bequeme Sitzgelegenheiten, die den Dialog und das soziale Miteinander fördern.
Beispiel für eine flexible Lernlandschaft mit verschiedenen Zonen für Kollaboration, Konzentration und Austausch:
Integration von Technologie: Die digitale Infrastruktur ist nahtlos und unauffällig integriert. Ausreichend Lademöglichkeiten, stabile WLAN-Abdeckung, interaktive Displays und beschreibbare Oberflächen sind selbstverständlich (Eickelmann & Drossel, 2020). Hier spielen auch Technologien wie der Telepräsenz-Avatar AV1 eine Rolle. Er ermöglicht es langzeiterkrankten Schülerinnen und Schülern, nicht nur akademisch am Unterricht teilzunehmen, sondern vor allem ihre sozialen Kontakte zur Klasse aufrechtzuerhalten. Sie können den Avatar steuern, sich im Raum bewegen, sich einer Gruppe zuwenden und sind so visuell und auditiv Teil des sozialen Gefüges – ein entscheidender Faktor gegen die Isolation (Pädagogisches Institut München, o.D.).
Neuroinklusion durch Raumgestaltung: Weniger Anpassungsdruck, mehr Potenzial
Für neurodivergente Schülerinnen und Schüler ist die Gestaltung des Lernraums kein Luxus, sondern eine entscheidende Bedingung für erfolgreiches Lernen. Das Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, der den kognitiven Anpassungsdruck minimiert, sodass Energie für das Lernen selbst frei wird.
Worauf ist zu achten?
Sensorische Reizreduktion: Viele neurodivergente Menschen, insbesondere im Autismus-Spektrum oder mit ADHS, sind reizempfindlich. Offene Lernlandschaften können schnell zu einer Überforderung führen, wenn sie nicht sorgfältig gestaltet werden.
Akustik: Eine der größten Herausforderungen ist der Lärmpegel. Der Einsatz von schallabsorbierenden Materialien wie Teppichböden, Akustikdecken, Wandpaneelen oder sogar speziellen Akustikmöbeln ist unerlässlich (Broser, S., 2019). Eine gute Akustik verbessert die Sprachverständlichkeit für alle und senkt das Stresslevel erheblich.
Visuelle Ruhe: Visueller „Lärm“ durch unaufgeräumte Regale, zu viele bunte Poster oder unruhige Muster kann die Konzentration massiv stören. Geschlossene Schranksysteme, eine durchdachte und ruhige Farbgebung sowie klar definierte, aufgeräumte Bereiche helfen, visuelle Reize zu kontrollieren (Helling, 2018).
Schaffung von Rückzugsorten („Höhlen“): Das wichtigste Element für Neuroinklusion im Raum sind niedrigschwellige Rückzugsmöglichkeiten. Dies müssen keine abgetrennten Räume sein. Schon kleine, schallgedämpfte Nischen, Alkoven, Sitzsäcke in einer ruhigen Ecke oder Möbel mit hohen Rückenlehnen können als sicherer Hafen dienen (Weyland & Watschinger, 2017). Hier können sich Schülerinnen und Schüler kurzzeitig aus dem Geschehen zurückziehen, sensorische Eindrücke verarbeiten und sich neu regulieren, ohne das Gefühl zu haben, den Raum verlassen zu müssen.
Beispiel für eine akustisch und visuell beruhigte Rückzugsnische für konzentriertes Arbeiten oder zur Reizabschirmung:
Bewegung ermöglichen: Insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit ADHS ist die Möglichkeit zur Bewegung essenziell für die Konzentration. Flexible Sitzmöbel wie Hocker, Sitzbälle oder Kissen, die eine dynamische Sitzhaltung fördern, sind ebenso wichtig wie definierte Steharbeitsplätze oder die Erlaubnis, während des Nachdenkens umherzugehen (Krause, D. 2021).
Struktur und Orientierung: Flexibilität darf nicht mit Chaos verwechselt werden. Gerade Schülerinnen und Schüler mit Herausforderungen in der exekutiven Funktion benötigen klare Strukturen. Farbcodierungen für bestimmte Zonen, klar beschriftete Materiallager und transparente Regeln zur Nutzung des Raumes bieten die nötige Orientierung und Vorhersehbarkeit (Hascher & de la Varga, 2021).
Fazit
Die Gestaltung von Lernräumen ist kein ästhetisches Beiwerk, sondern ein fundamentaler Bestandteil inklusiver und zukunftsfähiger Pädagogik. Ein Raum, der Flexibilität, unterschiedliche Arbeitsformen und vor allem die sensorischen Bedürfnisse aller Lernenden berücksichtigt, wird selbst zum didaktischen Instrument. Er ermöglicht Differenzierung, fördert Autonomie und reduziert den Anpassungsdruck, der gerade neurodivergente Talente oft unsichtbar macht. Indem wir Lernumgebungen schaffen, die Ruhe und Kollaboration, Struktur und Freiheit, Konzentration und Bewegung ermöglichen, investieren wir direkt in eine Lernkultur, in der jeder Einzelne sein Potenzial entfalten kann. Die Architektur wird so zum Verbündeten des Pädagogen im Bestreben, eine Schule für alle zu schaffen. Praxisbericht: Wie gute Raumgestaltung das Potenzial neurodivergenter Schüler entfesselt
Das traditionelle Klassenzimmer stellt mit seinen hohen Anforderungen an Stillsitzen und einheitliche Konzentration für viele neurodivergente Schülerinnen und Schüler eine tägliche Überforderung dar. Der ständige Druck, sich anzupassen, kostet wertvolle Energie, die dann für das eigentliche Lernen fehlt. Der Schlüssel liegt in einem Perspektivwechsel: Nicht das Kind muss sich primär an den Raum anpassen, sondern der Raum muss sich an die vielfältigen Bedürfnisse der Kinder anpassen. Ein solcher neuro-inklusiv gestalteter Lernraum ist, wie die Erfahrungen und Tipps auf der Webseite von AJ Produkte zeigen, letztlich ein Gewinn für alle.
Das Potenzial bewegter Möbel: Energie kanalisieren statt unterdrücken
Ein zentraler Aspekt ist die Akzeptanz und gezielte Nutzung des natürlichen Bewegungsdrangs. Anstatt Unruhe als Störung zu sehen, kann sie durch intelligente Möbel in Konzentration umgewandelt werden. Hier zeigen sich drei Beispiele als besonders wirksam:
Das Deskbike: Dieses Möbelstück ist eine geniale Kombination aus Stuhl und Fahrradergometer. Es ermöglicht Schülerinnen und Schülern, ihren Bewegungsdrang direkt am Platz auszuleben. Das Treten in die Pedale kanalisiert überschüssige Energie und körperliche Unruhe, was paradoxerweise oft zu einer besseren Konzentration und Fokussierung auf die eigentliche Aufgabe führt. Der Körper ist beschäftigt, der Geist wird frei.
Der Balance-Hocker: Als Alternative zum starren Stuhl fördert ein Balance-Hocker das „aktive Sitzen“. Durch die leicht instabile Sitzfläche muss die Rumpfmuskulatur konstant durch Mikrobewegungen den Körper stabilisieren. Das stärkt nicht nur die Muskulatur und verbessert die Haltung, sondern hilft vielen Kindern, ihren Körper besser wahrzunehmen und sich zu zentrieren, was wiederum die Konzentrationsfähigkeit unterstützt.
Höhenverstellbare Schultische: Die Möglichkeit, die Arbeitshöhe individuell anzupassen und auch im Stehen zu arbeiten, ist ein einfacher, aber extrem wirkungsvoller Hebel. Ein Wechsel der Körperhaltung erhöht die Durchblutung, steigert das Energieniveau und beugt Ermüdung vor. Für Schüler, denen langes Sitzen schwerfällt, bietet die Option zu stehen eine willkommene Entlastung und eine Möglichkeit zur Selbstregulation, ohne den Arbeitsplatz verlassen zu müssen.
Sensomotorische Hilfsmittel wie Stressbälle helfen dabei, motorische Unruhe zu kanalisieren. Um ihre Verwendung zu normalisieren und eine Stigmatisierung zu vermeiden, sollten sie zur Standardausstattung in jedem Klassenzimmer gehören und für alle Kinder frei zugänglich sein.
Die Macht der Zonen und Rückzugsorte
Ein neuro-inklusives Klassenzimmer ist kein Einheitsraum, sondern eine vielseitige Lernlandschaft. Die im Artikel vorgeschlagene Unterteilung in Zonen (z.B. für Einzelarbeit, Gruppenarbeit, Unterricht im Plenum) schafft Klarheit und ermöglicht abwechslungsreiche Lernformen. Besonders wichtig sind dabei abgeschirmte Rückzugsorte. Mobile Trennwände oder kleine Kabinen reduzieren den sensorischen Input (visuell und auditiv) drastisch und schaffen eine geschützte Atmosphäre für konzentrierte Arbeit. Dies erlaubt es reizempfindlichen Schülern, Teil der Klassengemeinschaft zu bleiben und gleichzeitig einen für sie notwendigen Schutzraum zu finden.
Darüber hinaus sind weitere sensorische Aspekte entscheidend:
Lärm reduzieren: Textile Elemente wie Teppiche, Polstermöbel und schallabsorbierende Wandpaneele schaffen eine ruhigere Grundatmosphäre.
Visuelle Reize minimieren: Eine ruhige, einheitliche Farbgebung in Erdtönen, aufgeräumte und klar beschriftete Regale sowie der Verzicht auf ablenkende Dekoration im direkten Sichtfeld der Schüler entlasten das Gehirn.
Licht optimieren: Flackerfreies LED-Licht und mehrere Lichtquellen, die harte Schatten vermeiden, sorgen für eine angenehme visuelle Umgebung.
Die Anpassung des Lernraums ist einer der wirkungsvollsten Schritte hin zu einer gelebten Inklusion. Durch den gezielten Einsatz von flexiblen und bewegungsfördernden Möbeln sowie die Schaffung einer reizarmen und strukturierten Umgebung wird der Anpassungsdruck für neurodivergente Schülerinnen und Schüler gesenkt. So wird Energie freigesetzt – weg von der Kompensation, hin zur vollen Entfaltung des individuellen Potenzials.
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