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Die größte Lücke im Bildungssystem: Twice Exceptional – Wenn Hochbegabung auf Entwicklungs-, Lern- oder Verhaltensstörung trifft

  • Autorenbild: Die DiklusionsGestalter e.V.
    Die DiklusionsGestalter e.V.
  • 15. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Das deutsche Bildungssystem steht vor einer wachsenden Herausforderung: Es gibt eine vielschichtige, oft unsichtbare Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die nicht nur  herausragende Begabungen sondern noch weitere neurodivergente Eigenschaften aufweisen – die sogenannten twice exceptionals (2e). Zu ihnen zählen Hochbegabte mit Autismus, ADHS, Dyslexie oder anderen Entwicklungsstörungen. Trotz ihres enormen Potenzials sind diese Kinder einem besonders hohen Risiko für Bildungsabbrüche, Under Achievement (erwartungswidrige Minderleistung), soziale Ausgrenzung sowie psychische Belastungen ausgesetzt (Assouline et al., 2021; Fachportal Hochbegabung, 2023b).


Wer sind Twice Exceptional Kinder?


Das Konzept „Twice Exceptional“ stammt ursprünglich aus den USA und beschreibt Kinder, die nicht nur hochbegabt, sondern auch von einer Entwicklungs-, Lern- oder Verhaltensstörung betroffen sind (Baum et al., 2014; Assouline et al., 2021). Darunter fallen etwa Hochbegabung plus Autismus, ADHS, Dyslexie oder auch motorische Schwierigkeiten. Die Forschungslage in Deutschland ist begrenzt, aber internationale Schätzungen gehen davon aus, dass 2–5% aller hochbegabten Schüler auch noch eine zusätzliche neurodivergente Diagnose aufweisen. Besonders problematisch dabei: Oft bleibt eine der beiden Seiten unerkannt, was eine altersgemäße schulische und persönliche Entwicklung behindert (Fachportal Hochbegabung, 2023a; 2023b).


Häufigkeit und Verteilung in Deutschland


In Deutschland gelten etwa 2–3% der Kinder und Jugendlichen als hochbegabt (Preckel, 2020). Die Prävalenz von Autismus wird inzwischen bei etwa 0,8–1% eingeschätzt; sie hat sich – vor allem wegen Sensibilisierung, besserer Diagnostik und gesellschaftlicher Offenheit – innerhalb einer Dekade verdoppelt (VDEK, 2023; n-tv, 2023). Für ADHS geben aktuelle Untersuchungen eine Häufigkeit von 3–5% an (ADHS Deutschland, o.J.; Spektrum der Wissenschaft, 2024). Dyslexie betrifft rund 5–8% aller Kinder (Snowling, 2013). Komorbiditäten sind häufig: Über 50% der autistischen Kinder erhalten in Studien noch mindestens eine weitere kinderpsychiatrische Diagnose wie z.B. ADHS (HKK, 2023; WIDO, 2016).


Konkrete Zahlen für twice exceptional Kinder existieren kaum. Mindestens 10% hochbegabter Kinder weisen Merkmale aus dem Autismus-Spektrum auf oder erfüllen die Kriterien für ADHS (Colangelo & Davis, 2021; Silverman, 2019).


Bildungswege: Statistik und Realität


Der Bildungsweg von 2e-Kindern ist häufig geprägt von Brüchen, Wechseln und Umwegen. Hochbegabte erreichen überdurchschnittlich oft das Abitur – zwischen 55 und 70%, im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von ca. 44% (Destatis, 2023; Preckel, 2020). Dennoch werden bis zu 20% aller Hochbegabten zu sogenannten „Underachievern“, sie erbringen Zeichen einer unterschwelligen Leistung oder brechen die Schulkarriere ab (Eckerle & Eckerle, 2018; Preckel et al., 2018).


Für Kinder mit Autismus bleiben die Bildungsabschlüsse deutlich unter Durchschnitt: Nur etwa 10–15% machen das Abitur; bis zu 35% verlassen die Schule ohne Abschluss oder mit maximal dem Haupt- bzw. Realschulabschluss. Bei schwer betroffenen Dyslektiker:innen oder ADHS-Betroffenen liegen die Dropout-Raten und das Risiko für Schulabbruch über dem Mittel (ADHS Deutschland, o.J.; Snowling, 2013).


Gerade 2e-Kinder sind gefährdet, mehrfach die Schulform zu wechseln, zeitweise als „nicht beschulbar“ zu gelten oder ihre Hochbegabung nie zur Entfaltung zu bringen (Fachportal Hochbegabung, 2023b; OvNB-Schule, o.J.).


Herausforderungen in Kita und Schule


Hochbegabte:

Sie leiden besonders unter fehlender kognitiver Herausforderung, Langeweile, sozialer Isolation und häufig fehlender Wertschätzung seitens Lehrkräften wie Mitschülern (Preckel et al., 2018; DGhK Bayern, o.J.; Eckerle & Eckerle, 2018). Im schlechtesten Fall resultiert eine negative schulische Karriere aus wiederholter Frustration und fehlender Passung (Preckel, 2020).


Autistische Kinder:

Diese benötigen meistens klar strukturierte, reizabgeschirmte Umgebungen und ein Team, das ihren individuellen Kommunikations- und Strukturierungsbedarf versteht. Fehlen Rückzugsmöglichkeiten, Verständnis und passende Regulationsstrategien, steigt das Risiko für Mobbing, Überforderung oder Ausgrenzung (Fachportal Hochbegabung, 2023b; Autkom-OBB, o.J.).


ADHS:

Häufiges Problem sind Impulsivität, Unruhe und Ablenkbarkeit, die in traditionellen Settings als „Störung“ statt als Ausdruck eines anderen Lernstils gewertet werden. Durch häufig negatives Feedback, Schulwechsel und ein defizitorientiertes Schulsystem sinkt die Motivation immer weiter (ADHS-Modellprojekt BLLV, 2023; Anders3, o.J.).


Dyslexie:

Hier steht die Stigmatisierung durch schlechte Noten und ausbleibende Anerkennung im Vordergrund, was zu Selbstwertproblemen und Versagensangst führen kann, sofern keine gezielte Förderung erfolgt (Snowling, 2013).


2e-Kinder:

Diese Gruppe ist von zwei Seiten bedroht: Ihre Begabung wird verdeckt durch die Schwierigkeiten oder – umgekehrt – die Schwierigkeiten werden nicht anerkannt, weil die Begabung vermeintlich alles kompensieren könne. Das Ergebnis sind Schulversagen, depressive Symptome, Schulverweigerung, häufige Schulwechsel und Probleme mit Peer-Group und Erwachsenen (Fachportal Hochbegabung, 2023a; 2023b; Quantenspringer, o.J.).


Spezifische Förderung und Anlaufstellen in Bayern


Bayern bietet ein großes Netzwerk an Beratungsstellen, Förderzentren und Inklusionseinrichtungen, jedoch sehr wenige explizit auf 2e ausgelegte Institutionen:


Kindergärten und Kitas:


Die Hans-Georg-Karg-Kindertagesstätte (Nürnberg), der Evangelische Kindergarten St. Stephan (Würzburg) und Modellprojekte der Karg-Stiftung sind auf die Förderung Hochbegabter und deren Diagnostik spezialisiert. Hier werden zunehmend Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf (z. B. Autismus oder ADHS) betreut und begleitet (Karg-Stiftung, o.J.; Begabungslotse, o.J.; Lebenshilfe Bayern, o.J.).


Schulen und Förderzentren:


Das Max-Rill-Gymnasium verfügt über zusätzliche Förder- und Wohnmöglichkeiten für autistische und ADHS-betroffene Kinder (Max-Rill-Gymnasium, o.J.). Viele Förderzentren, gerade solche mit multiprofessionellen Teams (Mutter-Kind-Heime, Heilpädagogische Tagesstätten), bieten integrative Lösungen für 2e-Kinder – die Plätze sind jedoch begrenzt (ISB Bayern, o.J.; Bezirk Mittelfranken, o.J.; Diakoneo, o.J.).

Die Oswald-von-Nell-Breuning-Schule (OvNB-Schule) in Offenbach hält eine Abteilung vor, in der ausschließlich 2e-Lernende unterrichtet werden.


Diagnose- und Beratungsstellen:


Das überregionale ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk listet Fachkräfte bayernweit; die LMU München betreibt eine begabungspsychologische Beratungsstelle, in jedem Regierungsbezirk bestehen Autismus-Kompetenzstellen, die diagnostische und therapeutische Netzwerke vermitteln (DGhK Bayern, o.J.; Autkom-OBB, o.J.; Anders3, o.J.).


Politische Perspektiven: Parteien zur Hochbegabung, 2e und Neurodiversität

Die politischen Programme der großen Parteien erfassen das Thema unterschiedlich:


CDU/CSU betonen Bildungsgerechtigkeit und eine gewisse Förderung „noch unentdeckter Begabungen“, benennen aber 2e kaum explizit (CDU, 2025; CDU-CSU-Fraktion, 2025).


SPD fokussiert allgemeine Inklusion und individuelle Förderung, nennt neurodivergente Gruppen selten im Detail, setzt aber auf eine Reduktion von Barrieren (SPD, 2025; Deutschlandfunk, 2025).


Grüne thematisieren Diversität und Inklusion am stärksten, führen Autismus, ADHS und Hochbegabung explizit auf, und setzen sich für barrierefreie und passgenaue Förderung ein (Grüne, 2025; Schulportal, 2025).


FDP unterstützt leistungsdifferenzierte Förderung und Hochbegabtenförderung, bietet aber keine spezialisierten 2e-Programme (FDP, 2025; Schulportal, 2025).


Linke setzen auf Inklusion und Chancengleichheit für Benachteiligte – Hochbegabung oder 2e werden nur am Rand integriert (Die Linke, 2025; Deutschlandfunk, 2025).

So bleibt 2e bislang ein Nischenthema der politischen Diskurse und der Umsetzung auf Landes- und Bundesebene, während viele Lösungen von engagierten Eltern, Beratern und privaten Institutionen getragen werden (Fachportal Hochbegabung, 2023b; Quantenspringer, o.J.).


Fazit


Die größte Lücke im Bildungssystem ist und bleibt aktuell die unzureichende, flächendeckende, systematische Förderung der Twice Exceptionals. Weder die Diagnostik noch der Umgang mit den Potenzialen neurodivergenter Hochbegabter sind ausreichend standardisiert. Erst frühe, multiprofessionelle Diagnostik, flexible Förderung und eine kooperative Eltern-Lehrer-Therapeuten-Arbeit könnten diese Lücke schließen (Assouline et al., 2021; Baum et al., 2014; Fachportal Hochbegabung, 2023a; 2023b; Preckel, 2020).

Eine Gesellschaft, der die Potenzialentfaltung und der Schutz psychischer Gesundheit am Herzen liegen, kann es sich nicht leisten, die Twice Exceptionals weiterhin quasi unsichtbar im System zu belassen.

 

Literaturverzeichnis


ADHS Deutschland (o.J.). Häufigkeit von ADHS. https://adhs-deutschland.de/adhs-adhs-ads/haeufigkeit


ADHS-Modellprojekt BLLV (2023). ADHS-Modellprojekt. https://www.bllv.de/vollstaendiger-artikel/news/adhs-modellprojekt


Assouline, S. G., Foley Nicpon, M., & Huber, D. H. (2021). The unique needs of twice-exceptional learners. Journal of Psychoeducational Assessment, 39(1), 3–19. https://dlogifted.wordpress.com/wp-content/uploads/2016/10/twice-exceptional-learners_who-needs-to-know-what.pdf


Autkom-OBB (o.J.). Autismus-Beratungsstellen in Bayern. https://www.autkom-obb.de/angebote/kooperationen/autismus-beratungsstellen-in-bayern

 

Baum, S.M., Schader, R.M. and Hebert, T.P. (2014) Through a Different Lens: Reflecting on a Strength-Based, Talent-Focused Approach for Twice-Exceptional Learners. Gifted Child Quarterly, 58, 311-327. https://doi.org/10.1177/0016986214547632


Begabungslotse (o.J.). Kindertagesstätten und Kindergärten - Bayern. https://www.begabungslotse.de/laender/laenderspecial-bayern/kitas





Colangelo, N., & Davis, G. A. (2021). Handbook of Gifted Education (5th ed.). Routledge.


DGhK Bayern (o.J.). Förderung hochbegabter Kinder & Jugendlicher. https://dghk-bayern.de/


Diakoneo (o.J.). Angebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. https://www.diakoneo.de/menschen-mit-behinderung/kinder-mit-behinderung



Eckerle, T., & Eckerle, A. (2018). Underachievement oder Unterforderung? Institut für Leistungsentwicklung.https://www.hochbegabtenhilfe.de/einige_notwendige_anmerkungen/


Fachportal Hochbegabung. (2023a). Twice Exceptionals sicher erkennen, sensibel beraten und individuell fördern. https://www.fachportal-hochbegabung.de/oid/10048/


Fachportal Hochbegabung. (2023b). Von „nicht beschulbar“ bis zum Abitur: eine Chance für Twice Exceptionals. https://www.fachportal-hochbegabung.de/oid/10135/



ISB Bayern (o.J.). Sonderpädagogische Förderschwerpunkte und Angebote in Bayern. https://www.isb.bayern.de/schularten/foerderschulen/fz-und-fs/die-sonderpaedagogischen-foerderschwerpunkte-in-bayern/


Karg-Stiftung (o.J.). Hans-Georg-Karg-Kindertagesstätte. https://www.karg-stiftung.de/projekte/hans-georg-karg-kindertagesstaette-1024/



Preckel, F., & Vock, M. (2020). Hochbegabung (2., überarb. Aufl.). Hogrefe. https://doi.org/10.1026/02850-000 


Preckel, F., Vock, M., & Holling, H. (2018). Identifikation Hochbegabter in Schule und Beratung. In S. Fisch & M. S. Zepp (Hrsg.), Handbuch Begabungs- und Begabtenförderung. Beltz.



Mayer, S. M. (2020). Analyse der Versorgungssituation autistischer Kinder und Jugendlicher im Regierungsbezirk Schwaben (Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München). Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Josefinum Augsburg. https://edoc.ub.uni-muenchen.de/26497/7/Mayer_Simon.pdf


n-tv (2023). Warum in Deutschland immer mehr Menschen die Autismus-Diagnose bekommen. https://www.n-tv.de/panorama/Warum-in-Deutschland-immer-mehr-Menschen-die-Autismus-Diagnose-bekommen-article26064023.html


Quantenspringer (o.J.). Twice Exceptional. https://www.quantenspringer.com/twice-exceptional/


Reis, S. M., & Peters, P. M. (2021). Research on the Schoolwide Enrichment Model: Four decades of insights, innovation, and evolution. Gifted Education International, 37(2), 85–109. https://doi.org/10.1177/0261429420963987


Reis, S. M., & Renzulli, S. J. (2020). Parenting for strengths: Embracing the challenges of raising children identified as twice exceptional. Gifted Education International, 37(1), 6–21. https://doi.org/10.1177/0261429420934435


Snowling, M. J. (2013). Early identification and interventions for dyslexia: Evidence from a longitudinal study. Educational Psychologist, 28(4), 312–325. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4538781/

Spektrum der Wissenschaft (2024). Neurodiversität: Woher kommt die Zunahme von ADHS und Autismus? https://www.spektrum.de/news/neurodiversitaet-woher-kommt-die-zunahme-von-adhs-und-autismus/2255421

VDEK (2023). Autismusfälle bei Kindern und Jugendlichen gestiegen. https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2023-05/hkk-autismusfaelle-kinder-jugendliche.html


Volkmer, S. (2025). Studieren mit Legasthenie und Dyskalkulie: Erfolgreich an der Uni und im Alltag. UTB GmbH. https://www.utb.de/9783825264055/ 


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