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Wissen im Moment des Bedarfs: Was die KI-Applikationen "Autistic Mirror" und "Divergent Mirror" Lehrkräften und Führungskräften bieten können

  • Autorenbild: Die DiklusionsGestalter e.V.
    Die DiklusionsGestalter e.V.
  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Ein Kind sitzt mitten im Unterricht unter dem Tisch. Ein Oberstufenschüler hat Schwierigkeiten in einer mündlichen Aufgabe. Eine Mitarbeiterin, die sonst zuverlässig im Team mitarbeitet, zieht sich seit Wochen zunehmend zurück. In all diesen Situationen stehen Lehrkräfte und Führungskräfte vor derselben Frage: Was passiert hier eigentlich – und was kann ich tun, ohne die Situation zu verschlimmern?


Genau in diesem Moment, nicht Wochen später in einer Fortbildung, setzen zwei Apps desselben Entwicklers an: Autistic Mirror für Autismus und AuDHS sowie die Schwesterapp Divergent Mirror für weitere neurodivergente Profile wie ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette, Hochbegabung, Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (DCD) und auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS). Wir haben uns beide Apps und die begleitenden Blogs angeschaut und ordnen ein, was sie für den pädagogischen und beruflichen Alltag leisten können.


Das Problem: Wissen ist vorhanden, aber selten abrufbar

Informationen zu autistischer Wahrnehmung und autistischem Verhalten gibt es reichlich – in Fachliteratur, Fortbildungen, Ratgebern. Das Problem liegt selten am fehlenden Wissen an sich, sondern am Zeitpunkt: Klassische Fortbildungsformate sind allgemein gehalten und liegen oft Monate zurück, wenn eine konkrete Situation auftritt. Ratgeber sprechen häufig von "dem autistischen Kind" oder "dem autistischen Mitarbeiter" im Allgemeinen, obwohl jede Situation individuell ist. Wer akut vor einer Verhaltensweise steht, die er oder sie nicht einordnen kann, braucht in diesem Moment etwas anderes: eine schnelle, aber fundierte Einordnung, die sich auf die konkrete Beobachtung bezieht.


Was Autistic Mirror ist

Autistic Mirror ist ein KI-gestützter Chat, der nach eigener Beschreibung neurologische Mechanismen hinter autistischem Erleben erklärt – ausdrücklich ohne allgemeine Ratschläge oder Füllmaterial. Entwickelt wurde die App von Aaron Wahl, der selbst autistisch ist. Die Positionierung lautet "Mechanismus statt Ratgeber": Statt fertiger Handlungsanweisungen liefert die App eine Erklärung, warum ein bestimmtes Verhalten neurologisch auftritt – etwa warum ein Kind bei einem plötzlichen Stundenplanwechsel überfordert reagiert oder warum ein Mitarbeiter nach einem Großraum-Meeting erschöpft wirkt.


Wichtig für die Einordnung: Autistic Mirror versteht sich ausdrücklich nicht als Medizinprodukt und nicht als Ersatz für ärztliche oder therapeutische Behandlung. Es ersetzt auch keine individuelle Absprache mit der betroffenen Person selbst – die, wie in den Leitfäden mehrfach betont wird, meist am besten weiß, was ihr hilft.


Für Lehrkräfte: konkrete Anwendungsfälle

Der Blog zu Autistic Mirror enthält einen eigenen Leitfaden für Lehrkräfte, der sich unmittelbar an typischen Unterrichtssituationen orientiert. Einige Beispiele, die dort behandelt werden:

Sensorische Wahrnehmung im Klassenzimmer. Erklärt wird, dass ein autistisches Nervensystem Reize wie Nebengeräusche, Licht oder Stoffkontakt nicht automatisch filtert – Hintergrundgeräusche können mit derselben Intensität ankommen wie das eigentliche Unterrichtsgespräch. Das betrifft auch das Konzept des Monotropismus: Aufmerksamkeit funktioniert eher wie ein enger Strahl als wie eine breite Taschenlampe, weshalb Wechsel zwischen Aufgaben oder Fächern besonders viel Energie kosten.


Unterrichtsanpassungen ohne Sonderbehandlung. Der Leitfaden schlägt vor, den Stundenablauf sichtbar zu machen, Übergänge anzukündigen und alternative Beteiligungsformen (etwa schriftliche statt mündliche Meldungen) anzubieten. Der Grundgedanke dabei: Anpassungen, die als Klassenregel für alle gelten, entlasten autistische Schüler*innen, ohne sie einzeln herauszustellen.


Umgang mit Meltdowns. Ein Meltdown wird darin klar von einer Trotzreaktion abgegrenzt und als neurologischer Überlastungszustand beschrieben. Empfohlen wird, Reize während eines Meltdowns zu reduzieren, keine Fragen zu stellen und nach dem Ereignis Erholungszeit statt sofortiger Aufarbeitung zu ermöglichen.


Stille Überlastung erkennen. Besonders hervorgehoben wird, dass nicht der sichtbare Meltdown die größte Gefahr darstellt, sondern die stille Überlastung durch Maskieren – also das Unterdrücken auffälligen Verhaltens, das sich oft erst zu Hause in Erschöpfung oder Zusammenbrüchen zeigt.


Für Führungskräfte: konkrete Anwendungsfälle

Parallel dazu richtet sich ein eigener Leitfaden an Arbeitgeber und Führungskräfte. Auch hier liegt der Fokus auf konkreten, meist kostengünstigen Maßnahmen:

Reaktion auf Offenlegung. Wenn ein Mitarbeiter mitteilt, autistisch zu sein, wird das als professioneller Schritt eingeordnet, der zeigt, dass die Person ihre Arbeitsbedingungen aktiv mitgestalten möchte – nicht als Problemanzeige.


Wirksame Arbeitsplatzanpassungen. Genannt werden unter anderem Noise-Cancelling-Kopfhörer als reguläre Arbeitsmittel, ein fester statt wechselnder Arbeitsplatz, schriftliche und explizite statt vage formulierte Aufgabenstellungen sowie reduzierte, klar strukturierte Meetings mit vorab geteilter Agenda.


Meetings inklusiver gestalten. Vorgeschlagen werden unter anderem eine frühzeitig geteilte Agenda, die Möglichkeit, die Kamera auszulassen, sowie schriftliche Beiträge über einen Chat als gleichwertiger Kommunikationskanal.


Autistisches Burnout von regulärem Burnout unterscheiden. Der Leitfaden weist darauf hin, dass autistisches Burnout durch dauerhaftes Maskieren entsteht statt durch reine Arbeitsbelastung – und dass klassische Burnout-Interventionen wie Teamevents oder zusätzliche soziale Aktivitäten den Zustand eher verschlimmern als lindern können.


Beide Leitfäden arbeiten mit eingebetteten, laut Anbieter unbearbeiteten Chatbeispielen aus der App, die exemplarisch zeigen, wie eine Antwort auf eine konkrete Nutzerfrage aussieht.


Divergent Mirror: Die Schwesterapp für weitere Dimensionen


Während sich Autistic Mirror auf Autismus und AuDHS konzentriert, deckt Divergent Mirror nach Angaben des Anbieters folgende neurodivergenten Profile ab: ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette, Hochbegabung, DCD und AVWS. Das Funktionsprinzip ist identisch – ein KI-Chat, der neurologische Mechanismen erklärt, statt fertige Ratschläge zu geben. Für Lehrkräfte ist das besonders relevant, wenn es um Nachteilsausgleich, Prüfungsformate und den Umgang mit individuellen Kompensationsstrategien geht, die vielleicht auf den ersten Blick wie "Umwege" wirken, aber notwendige Zugänge sind.


Drei anonymisierte Beispiele aus eigenen Chatverläufen mit der App zeigen, wie das konkret aussehen kann.

Beispiel 1: Individuelle Rechenwege im Mathematikunterricht. In einem Chatverlauf ging es um eigene Notationshilfen im Matheunterricht – etwa das Ausschreiben von Zwischenschritten oder die Nutzung eines alternativen, aber mathematisch gleichwertigen Rechenwegs zur Bestimmung von Extrempunkten. Hintergrund war eine kombinierte Beeinträchtigung von räumlicher Verarbeitung, Zahlenverständnis und Symbolverarbeitung. Erklärt wurde, dass solche externen Marker bei einer solchen Kombination keine Bequemlichkeit sind, sondern einen erhöhten Arbeitsgedächtnis-Aufwand kompensieren, den neurotypische Mitschüler in dieser Form nicht leisten müssen. Empfohlen wurde entsprechend, individuelle Rechenwege als Barrierefreiheit statt als unzulässige Abkürzung einzuordnen und explizit zuzulassen, statt sie in Aufgabenstellungen zu untersagen.

Beispiel 2: Mündliche Prüfung ohne Kontextanker. Ein weiterer Chatverlauf drehte sich um ein Prüfungsformat, bei dem in sehr kurzer Zeit eine Filmszene ohne jede Orientierungshilfe eingeordnet werden sollte – anschließend folgte eine freie Fachdiskussion. Erklärt wurde, warum ein solches Format bei einer Kombination aus auditiver Verarbeitungsstörung und Lese-Rechtschreib-Schwäche mehrere Beeinträchtigungen gleichzeitig belastet: auditive Filterung bei Hintergrundgeräuschen, verzögerte Worterkennung bei unbekannten Begriffen und ein Arbeitsgedächtnis, das größere Filminhalte ohne äußere Anker nicht als zusammenhängende Struktur abrufen kann. Als mögliche Anpassungen wurden unter anderem schriftliche statt gesprochene Ausgangstexte, vorab genannte grobe Kontexthinweise, Bedenkzeit zwischen Gesprächsbeiträgen und erlaubte Notizen genannt – nicht als Erleichterung, sondern als Ausgleich für die zusätzliche Verarbeitungsleistung, die ein bereits anerkannter Nachteilsausgleich nicht automatisch abdeckt, wenn er sich nur auf schriftliche Formate bezieht.

Beispiel 3: Scheinbare Widersprüche richtig einordnen. In einem dritten Chatverlauf ging es um die Frage, wie es zusammenpasst, dass Termine und Projektinhalte gut im Kopf behalten werden, reines Auswendiglernen aber große Schwierigkeiten bereitet. Aufgelöst wurde der scheinbare Widerspruch damit, dass Auswendiglernen über das Gehör die auditive Sequenzverarbeitung beansprucht – bei einer entsprechenden Verarbeitungsstörung sind gerade das Erkennen einzelner Laute und das Halten dieser Information im Arbeitsgedächtnis betroffen. Termine und Projektinhalte werden dagegen überwiegend visuell-räumlich, semantisch vernetzt und in einen Kontext eingebettet gespeichert – über andere Gedächtnissysteme. Die auditive Verarbeitungsstörung betrifft demnach die Verarbeitung eines bestimmten Kanals, nicht das Gedächtnis insgesamt.


Gemeinsamer Nenner: Umgebung anpassen statt Person verändern

Trotz unterschiedlicher Kontexte – Klassenzimmer versus Büro, Autismus versus Dyskalkulie oder AVWS – ziehen sich durch alle Beispiele dieselben Grundprinzipien: Barrieren entstehen in der Regel durch die Umgebung und ihre impliziten Erwartungen oder Prüfungsformate, nicht durch einen Mangel der betroffenen Person. Individuelle Kompensationsstrategien – ob ein eigener Rechenweg oder ein Rückzugsort bei sensorischer Überlastung – sind meist kein Umgehen der Anforderung, sondern der Zugang zu ihr. Und: Viele der vorgeschlagenen Anpassungen – klare Strukturen, reduzierte Reize, explizite statt implizite Kommunikation, zusätzliche Kontextanker – kommen nicht nur der jeweils betroffenen Person zugute, sondern verbessern häufig die Situation für die gesamte Klasse oder das gesamte Team.


Einordnung

Für Lehrkräfte und Führungskräfte, die im Alltag schnell auf fundiertes Hintergrundwissen zugreifen möchten, bieten Autistic Mirror und Divergent Mirror einen niedrigschwelligen Zugang, der über allgemeine Ratgeber hinausgeht: situationsbezogen, mechanismus-orientiert und von einer autistischen Person mitentwickelt. Beide Apps ersetzen dabei weder eine individuelle Rücksprache mit der betroffenen Person noch fachliche Diagnostik, Therapie oder eine rechtsverbindliche Prüfung von Nachteilsausgleichs-Ansprüchen – das stellt der Anbieter selbst klar. Wer regelmäßig mit neurodivergenten Schüler*innen oder Mitarbeitenden zu tun hat, findet in den Apps und den begleitenden Blogs jedoch eine Ressource, die genau dort ansetzt, wo klassische Fortbildungsformate oft an ihre Grenzen stoßen: im konkreten Moment, in dem eine Situation verstanden werden muss – sei es ein Meltdown im Klassenzimmer oder ein Streit über einen individuellen Rechenweg.


Genau darin liegt die eigentliche Stärke solcher KI-gestützten Tools: Das direkt verfügbare Wissen und die nachvollziehbare Erklärung ermöglichen es Lehrkräften und Führungskräften, im Umgang mit neurodivergenten Menschen Sicherheit zu gewinnen, eigenständig weiterzulernen und das eigene Verhalten zu reflektieren. Gleichzeitig liefern die Antworten häufig konkrete Hinweise darauf, welche Nachteilsausgleiche im Einzelfall sinnvoll sein könnten oder welche Barrieren sich wie abbauen lassen – mit dem Ziel, dass bestimmte Konflikt- oder Eskalationssituationen erst gar nicht mehr entstehen. Da alle Chatverläufe abrufbar bleiben und in Form eines Glossars gespeichert werden, lassen sie sich zudem einfach in Supervisionsgruppen oder im kollegialen Austausch weiterverwenden.


Persönliche Anmerkung der Redaktion: In der eigenen Auseinandersetzung mit beiden Apps hat uns besonders überzeugt, wie konsequent zwischen Erklärung und Handlungsanweisung getrennt wird – ein Ansatz, der aus unserer Sicht dem eigenständigen Verstehen mehr dient als vorgefertigte Checklisten.


Literaturverzeichnis


Autistic Mirror. (o. D.). Autismus im Unterricht: Leitfaden für Lehrkräfte. Autistic Mirror Blog. https://blog.autisticmirror.app/blog/lehrkraefte-leitfaden


Autistic Mirror. (o. D.). Autismus am Arbeitsplatz: Leitfaden für Arbeitgeber. Autistic Mirror Blog. https://blog.autisticmirror.app/blog/arbeitgeber-leitfaden


Autistic Mirror. (o. D.). Autistic Mirror – See how your brain works. https://autisticmirror.app/de

Divergent Mirror. (o. D.). Divergent Mirror – Understand how your brain works. https://divergentmirror.app


Divergent Mirror. (2026). Divergent Mirror (KI-Chat) [Large language model]. https://divergentmirror.app

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