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"Befreit von Ideologieprojekten"?Demokratie, Inklusion und die Gefährdung neurodivergenter Teilhabe durch die AfD

  • Autorenbild: Die DiklusionsGestalter e.V.
    Die DiklusionsGestalter e.V.
  • 9. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

 

Demokratie ist kein Zustand - sie ist ein Versprechen. Ein Versprechen, das lautet: niemand wird dauerhaft ausgeschlossen. Inklusion ist die politische Umsetzung dieses Versprechens. Wer Inklusion angreift, greift damit zugleich die Grundlagen demokratischer Teilhabe an - und mit ihr die Menschen, die am stärksten auf funktionierende Strukturen gesellschaftlicher Zugehörigkeit angewiesen sind.


Dieser Artikel untersucht das Spannungsfeld zwischen demokratischem Teilhabeversprechen, der Lebensrealität neurodivergenter Menschen in Deutschland und den bildungspolitischen Positionen der Alternative für Deutschland (AfD). Er stellt eine Arbeitshypothese auf: Neurodivergente Menschen - also Menschen mit ADHS, Autismus, Legasthenie oder ähnlichen neurologischen Profilen - sind aufgrund struktureller Ausgrenzung potenziert anfälliger für rechtspopulistische Narrative. Dies ist besonders folgenreich, weil dieselbe Partei, die diese Narrative bedient, zugleich die Grundlagen inklusiver Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe für genau jene Menschen systematisch zu untergraben plant.


Demokratie und Inklusion: Mehr als Schulpolitik


Inklusion ist kein pädagogisches Experiment, sondern ein Menschenrecht. Artikel 29 der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) schreibt das Recht auf Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben explizit fest - gleichberechtigt und barrierefrei. Deutschland hat die UN-BRK 2009 ratifiziert. Seither besteht eine völkerrechtliche Pflicht zur Umsetzung.

Demokratie und Inklusion bedingen einander strukturell. Wo Teilhabe verweigert wird - durch fehlende Barrierefreiheit, Sonderbeschulung oder Arbeitsmarktausschluss - entstehen politische Leerstellen: Menschen, die sich vom System nicht vertreten fühlen, weil das System sie nicht sehen wollte. Diese Leerstellen füllten populistische Bewegungen (Zick & Kuepper, 2021). Gras (2024) zeigt in ihrer empirischen Untersuchung zur Demokratiepädagogik und schulischen Inklusion, dass die synergetische Verbindung beider Handlungsfelder in der Schulpraxis nur bedingt eingelöst wird - strukturelle Machtgefälle und institutionelle Logiken stehen ihr entgegen.


Teilhabe in Deutschland: Die empirische Realität


Der Teilhabesurvey des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS, 2. Welle 2023-2024) zeigt, dass beeinträchtigte und behinderte Personen sich deutlich häufiger am Rande der Gesellschaft verorten und von erschwerter Teilhabe berichten (BMAS, 2025; Stöcker & Korneli im FGZ-Projekt ZuSichT, 2022-2024). Das Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch (2025) belegt: Die Arbeitslosenquote schwerbehinderter Menschen lag 2024 bei fast zwölf Prozent - rund doppelt so hoch wie die allgemeine Quote. Jedes vierte beschäftigungspflichtige Unternehmen stellt gar keine Menschen mit Behinderung ein.


Besonders problematisch ist der digital disability divide: Menschen mit kognitiver oder Lernbehinderung sind laut Lorenz et al. (2023) überproportional von digitaler Ausgrenzung betroffen - obwohl der digitale Raum heute der zentrale Ort politischer Meinungsbildung ist. Die Folge: Wer offline und online ausgegrenzt wird, zieht sich aus demokratischen Prozessen zurück - oder sucht Zugehörigkeit in anderen Räumen.


Die AfD und ihr Verhältnis zur Inklusion


Im MDR-Sommerinterview 2023 bezeichnete Bjoern Hoecke, Vorsitzender der Thüringer AfD, schulische Inklusion als eines der 'Ideologieprojekte', von denen das Bildungssystem 'befreit' werden müsse. Kinder mit Behinderungen nannte er 'Belastungsfaktoren'. Die Aussagen lösten breite Empörung aus - blieben innerparteilich jedoch weitgehend unwidersprochen (Riebe, 2024; Tolmein, 2024).


Jan Riebe (2024) hat im IDZ Jena alle bis Ende 2023 verabschiedeten Wahl- und Grundsatzprogramme der AfD auf Bundes- und Landesebene analysiert. Er identifiziert drei zentrale Argumentationsstränge der Partei gegen Inklusion: erstens das Leistungsprinzip - Inklusion senke Schulleistungen; zweitens die Homogenitätsideologie - Differenzierung sei 'Höherentwicklung', Heterogenität Schwäche; drittens den Kulturkampf - Inklusionsbefürworter agierten aus weltfremder Ideologie gegen das Volk. Für die AfD ist Inklusion kein bildungspolitisches Problem, das pragmatisch gelöst werden müsste, sondern ein Bestandteil eines imaginierten kulturellen Angriffs auf ein homogenes 'Volk'.


Pro Retina Deutschland (2024) stellt in ihrer Stellungnahme zur Europawahl fest: Das AfD-Wahlprogramm bedeute de facto die Aussonderung behinderter Kinder aus dem Schulsystem. Gleichzeitig instrumentalisiert die AfD behinderte Menschen auch gegen andere: 2016 spielte die AfD Sachsen-Anhalt in einer Presseerklärung die Integration behinderter Menschen gegen die Aufnahme von Geflüchteten aus (taz, 2024). Diese doppelte Strategie - Ausgrenzung einerseits, Instrumentalisierung andererseits - ist charakteristisch für die ableistische Grundstruktur der Partei.


Neurodivergenz im Kreuzfeuer


Neurodivergente Menschen - also Menschen, deren Gehirn auf eine Weise funktioniert, die erheblich vom statistischen Durchschnitt abweicht, etwa durch Autismus, ADHS, Legasthenie oder Tourette - machen nach Schätzungen fünfzehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung aus; möglicherweise haben mehr als 40 Prozent neurodivergenter Menschen mehr als eine Diagnose gleichzeitig (Autismusstiftung, 2026). Was sie jedoch teilen, ist die Erfahrung, in Systemen zu funktionieren, die nicht für sie gebaut wurden.


Für Neurodivergente bedeuten die AfD-Positionen konkret: Rückkehr zur Sonderschule, Abbau von Nachteilsausgleichen, Kürzung inklusiver Leistungen. Was die AfD als 'Befreiung' des Bildungssystems rahmt, ist für betroffene Kinder und Jugendliche faktisch Exklusion auf Rechtsgrundlage.


These: Neurodivergente als potenzielle Zielgruppe fuer Rechtspopulismus?


Die Arbeitshypothese dieses Artikels lautet: Neurodivergente Menschen können - unter spezifischen Bedingungen - für rechtspopulistische Narrative anfälliger sein. Dies ist empirisch noch ungenügend belegt, theoretisch jedoch beggründbar. Es handelt sich um einen Wirkungsmechanismus, nicht um eine Eigenschaft der Betroffenen.

I-Studie (Hans-Boeckler-Stiftung, 2023) zeigt, dass Menschen, die die AfD wählen wollen, deutlich häufiger von mangelnder Anerkennung, problematischen Arbeitsbedingungen und dem Gefühl berichten, nicht gehört zu werden. Genau diese Erfahrungen machen neurodivergente Menschen strukturell häufiger - in der Schule, am Arbeitsplatz, im sozialen Leben. Populismus bietet diesen Gruppen eine Erklärung für ihre Ausgrenzung - eine falsche, aber eine griffige.


Mechanismus 2 - Einfache Narrative und Strukturbedürfnis: Viele neurodivergente Menschen beschreiben ein starkes Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, klaren Regeln und eindeutigen Zugehörigkeiten (Apotheken Umschau, 2026). Rechtspopulistische Bewegungen operieren mit genau solchen Strukturen: klare Freund-Feind-Schemata, eindeutige Feindbilder, eine Gemeinschaft der 'Aufgewachten'. Verschwörungserzählungen erfüllen das Bedürfnis, besonders und einzigartig zu sein - ein Muster, das für sozial ausgegrenzte Gruppen besonders resonant ist (SLpB, o. J.).


Mechanismus 3 - Digitale Räume und Filterblasen: Neurodivergente Jugendliche erleben den digitalen Raum oft als einzigen niedrigschwelligen Zugang zu Gemeinschaft. Gleichzeitig verbreiten sich dort auf YouTube, Telegram oder TikTok rechtspopulistische und verschwörungsideologische Inhalte besonders effektiv (Korber, Heinz & Kunze, 2023). Der Verschwörungsglaube in Deutschland lag 2024 laut Bertelsmann Stiftung noch bei 15 Prozent der Bevölkerung als stark anfällig, mit einem Fünftel bis fast einem Drittel als 'ansprechbar'.

Das Paradox: Die AfD bietet neurodivergenten Menschen Zugehörigkeit als falsche Antwort auf echte Ausgrenzungserfahrungen - und würde zugleich die rechtlichen und strukturellen Grundlagen ihrer Teilhabe beseitigen. Wer die AfD wählt, wählt gegen sich selbst. Dieses Paradox ist kein Zufall, sondern Methode: Rechtspopulismus lebt von der Mobilisierung Ausgeschlossener gegen jene, die noch weniger Macht haben.


Was können Gymnasien, Universitäten und Unternehmen tun?


Demokratie und Inklusion entstehen nicht im politischen Vakuum. Sie werden im Alltag geübt oder nicht - in Schulen, Hochschulen und Betrieben. Die folgenden Handlungsfelder sind keine Utopie: Sie sind rechtlich fundiert, empirisch gestützt und ESG-kompatibel.


Gymnasien

Gymnasien sind strukturell selektiv - und genau deshalb besonders gefordert. Konkrete Massnahmen umfassen: die Einführung universeller Nachteilsausgleiche für alle neurodivergenten Schüler ohne bürokratische Hürden; Demokratiepädagogik als fächerübergreifendes Pflichtangebot (Gras, 2024); Klassenrats-Modelle mit echter Entscheidungskompetenz; Schulungen von Lehrkräften zu Ableismus und neurodiverser Didaktik. Gymnasien sollten begreifen: Inklusion ist kein Nachteil für Leistungsstarke, sondern Training für das Zusammenleben in pluralen Demokratien.


Universitäten

Hochschulen sind Orte demokratischer Wissensproduktion - und zugleich Orte erheblicher Exklusion für Neurodivergente. Laut dem Symposium 'Studieren mit Neurodivergenz' (Jena, 2023) fehlen an vielen Hochschulen systematische Unterstützungsstrukturen. Handlungsoptionen: verpflichtende Beratungsstellen für neurodivergente Studierende; Inklusion als Lehrinhalt in Lehramt, Medizin, BWL und Rechtswissenschaft; partizipative Lehrformate, die unterschiedliche Denkweisen aktiv einbeziehen. Und: Die Forschungslücke zur politischen Anfälligkeit neurodivergenter Menschen ist ein Desiderat, das Universitäten schließen können - und sollten.


Unternehmen

Das Inklusionsbarometer Arbeit (Aktion Mensch, 2025) zeigt: Die Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt verschlechtert sich seit Jahren. Dabei sind die wirtschaftlichen Argumente für Neuroinklusion stark: Diverse und neurodivergente Teams arbeiten häufig kreativer und innovativer. Konkrete Massnahmen: flexible Arbeitsmodelle (Homeoffice, Gleitzeit, Rueckzugsräume); proaktive Rekrutierung über inklusive Kanäle; Mentoring-Programme für neurodivergente Mitarbeitende; Abkehr von standardisierten Bewerbungsgesprächen als alleinigem Zugangskriterium.


ESG-Integration: Inklusion als messbarer demokratischer Wert

Environmental, Social and Governance (ESG)-Rahmenwerke bieten eine bislang kaum genutzte Möglichkeit, Inklusion und demokratische Teilhabe unternehmerisch zu verankern. Im Bereich Social (S) lassen sich konkrete KPIs (Key Performance Indicators) definieren: Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen (gesetzliches Soll: >= 5 % nach SGB IX), Anteil neurodiverser Mitarbeitender in Führungspositionen, Investitionen in barrierefreie Infrastruktur (digital und physisch) sowie regelmässige Mitarbeiterbefragungen zur erlebten Zugehörigkeit und Partizipation.


Im Bereich Governance (G) liesse sich verankern: Inklusion als expliziter Teil der Unternehmensstrategie, Rechenschaftspflicht gegenüber Stakeholdern und Betriebsräten sowie die Verpflichtung, keine Parteien zu finanzieren, die Menschenrechte und Teilhaberechte aktiv untergraben. Ratingagenturen wie MSCI ESG, ISS oder der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) können - und sollten - Inklusion als demokratiepolitischen Indikator stärker gewichten. Unternehmen, die in einer Zeit des erstarkenden Rechtspopulismus aktiv in demokratische Teilhabe investieren, leisten nicht nur einen gesellschaftlichen Beitrag - sie sichern auch ihre gesellschaftliche Licence to Operate.


Fazit

Das eigentliche Ideologieprojekt ist nicht die Inklusion. Es ist die Ideologie der Ungleichwertigkeit - die Vorstellung, dass Differenzierung Höherentwicklung sei und Heterogenität Schwäche. Diese Ideologie ist nicht neu. Sie hat historische Konsequenzen gehabt, die in Deutschland dokumentiert sind.

Neurodivergente Menschen stehen exemplarisch für eine größere Wahrheit: Wer dauerhaft ausgegrenzt wird, sucht Zugehörigkeit - notfalls bei jenen, die ihre Ausgrenzung verschärfen würden. Demokratie schützt sich nicht durch Abwehr, sondern durch Einschluss. Gymnasien, Universitäten und Unternehmen können dabei zu zentralen Orten demokratischer Praxis werden - wenn sie es wollen. ESG-Rahmenwerke können diesen Willen strukturell einfordern und messbar machen.

Die Forschung zur neurodivergenten politischen Vulnerabilität steht am Anfang. Dieser Artikel versteht sich als Einladung: an Wissenschaftler, die Luecke zu schließen, an Praktiker, Strukturen zu verändern, und an alle, die verstehen, dass Demokratie verteidigt werden muss - aber zuerst gelebt.

 

Literaturverzeichnis


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Below, R., El-Menouar, Y. & Michalowski, I. (2024). Verschwoerungsglaube als Gefahr fuer Demokratie und Zusammenhalt. Bertelsmann Stiftung. https://fowid.de/meldung/verschwoerungsglaube-20222024


Bundesministerium fuer Arbeit und Soziales [BMAS]. (2025). Repraesentativbefragung zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen (Teilhabesurvey, 2. Welle 2023-2024). BMAS. https://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/Forschungsberichte/fb-661-abschlussbericht-teilhabesurvey-welle-2.html


Gras, J. (2024). Zur Verbindung von Demokratiepaedagogik und Inklusion in Theorie und (schulischer) Praxis. Zeitschrift fuer Inklusion, 19(2), 114-131. https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/762


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Korber, M., Heinz, A. & Kunze, S. (2023). Verschwoerungstheorien im Netz. Sozial Extra, 47, 169-172. https://doi.org/10.1007/s12054-023-00592-6


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Riebe, J. (2024). 'Ideologieprojekt Inklusion': Positionierungen der AfD zu Inklusion als Ausdruck ihres rechtsextremen Weltbildes. In Institut fuer Demokratie und Zivilgesellschaft (Hrsg.), Wissen schafft Demokratie (Bd. 15, S. 30-45). IDZ Jena. https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd15-03

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Stoecker, A. & Korneli, K. (2024). ZuSichT - Perspektiven von Menschen mit Behinderungen auf gesellschaftliche Positionen und Zusammenhalt [Projektbericht]. Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd15-forschungsprojektvorstellung-zusicht


taz. (2024, 18. August). Menschen mit Behinderung: 'Wer AfD waehlt, waehlt gegen uns'. taz. https://taz.de/Menschen-mit-Behinderung/!6027886/


Tolmein, O. (2024, 4. September). Hoechst normal gefaehrlich: Der Kampf der AfD gegen Inklusion zeigt ihr Ressentiment gegen Menschen mit Behinderungen. Verfassungsblog. https://doi.org/10.59704/747353486c7d31f8

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